Kapitel 10

Special Moments

Die Momente, die den Verein bis heute prägen
6 Min. LesezeitAktualisiert: März 2026
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„Trinken Sie noch ein Bier mit?“ – Diese Frage kommt für Rolf Heller, Präsident des FC Sachsen Leipzig, an einem Sommernachmittag 2006 während eines Spiels im Leipziger Westen unvermutet. Der Mann, der ihn auf ein Pils einlädt, ist Rolf Gall (65), ein ehemaliger Elektriker und Rentner, der seit 25 Jahren Mitglied bei der BSG Chemie Leipzig und auf eigene Faust auf die Suche nach Sponsoren gegangen ist.

Denn das Geld in Leipzig ist knapp. Nach der deutschen Wiedervereinigung schließen sich die „Chemiker“, die den DDR-Fußball zweimal im Europapokal vertreten haben, mit Chemie Böhlen zum „FC Sachsen Leipzig“ zusammen. 2001 geht der Verein in die Insolvenz und zieht 2004 aus dem alten Chemie-Stadion Alfred-Kunze-Sportpark ins komplett umgebaute Zentralstadion um. Das ist traditionell die Heimat des verhassten Stadt- und Erzrivalen 1. FC Lokomotive Leipzig. Großer Fußball in Leipzig, so hat man als Außenstehender den Eindruck, findet nur statt, wenn die Bayern, der FC Schalke 04 und Werder Bremen zu dem zu einem Top-Event hochgejazzten „Premiere Liga-Pokal“ ab 2007 in die Stadt kommen.

Das Zentralstadion gilt in den Jahren nach der WM und der vorangegangenen Generalprobe beim Confed-Cup 2005 als Investitionsruine. Es herrscht „Totentanz im Schauspielhaus“, wie DER SPIEGEL befindet, wenn Sachsen Leipzig in der Regionalliga Nord dort vor leeren Rängen antritt. Schon 1999 kann sich der Verein nur mittels einer Partnerschaft mit dem Geschäftsmann Dr. Michael Kölmel, der auch den 1. FC Union Berlin und Fortuna Düsseldorf „saniert“, vor der drohenden Pleite retten. Der Mann mit dem Geldkoffer ist auch Teilhaber am Zentralstadion und will die WM-Arena am liebsten verkaufen.

Das ist die Ausgangssituation, in der „Sachsen-Galli“, wie sie Rolf Gall in Leipzig nennen, auf Heller trifft. Der klagt Gall am Biertisch sein Leid. „Da muss man was machen“, entgegnet der Elektriker, dem in diesem Moment wohl die legendäre Zeile von Peter Alexander im Kopf herumgeht: Bei Bier und bei Korn findet mancher die Lösung für alle Probleme der Welt. „Ich verspreche Ihnen“, sagt er nach kurzem Überlegen, „Sie bei der Suche nach Sponsoren zu unterstützen.“ Wieder zu Hause in Hohenmölsen, eine gute Autostunde von Leipzig entfernt, erinnert sich Gall an seinen guten Freund Roland Zickler, den Vater des ehemaligen Bayern-Stürmers Alexander Zickler. „Der Roland“, denkt er so bei sich, „den hat es doch zu Red Bull Salzburg verschlagen.“ Stimmt.

Und RB Salzburg ist der Verein, der 2005 die Lizenz des SV „Casino“ Salzburg übernommen und die heile aber dröge österreichische Fußballwelt auf den Kopf stellt. Was macht Gall? Er notiert die Adresse der Firma von einer Dose Red Bull Energydrink und schreibt einen Brief an Red Bull-Gründer Dietrich „Didi“ Mateschitz. „Mehr als Nein sagen kann er nicht“, spricht Rolf Gall das aus, was alle Optimisten in solchen Momenten denken. Zehn Seiten schickt er an den Getränke-Giganten. Ob Mateschitz sie gelesen hat, ist nie geklärt worden. Klar ist aber, dass dies die erste Kontaktaufnahme zwischen dem Leipziger Fußball und Red Bull ist.

„Sachsen-Galli“ bekommt sogar eine Antwort. „Wir bedauern, dass wir Ihre Anfrage als Trikotsponsor abschlägig beantworten müssen“, steht drin, „da wir momentan nicht bei Projekten des Fußballs involviert sind.“ Der Leipziger gibt aber nicht auf. Er ruft in Salzburg an. „Den Herrn Mateschitz hätt‘ ich gern gesprochen“, sagt er – doch er muss mit seiner Assistentin Kathrin Kalt Vorlieb nehmen. Er schildert ihr noch mal eindringlich sein Anliegen. „Bleiben Sie dran, wir behalten das im Auge“, beschwichtigt sie ihn. Klingt irgendwie nach „Wenn das für uns interessant ist, melden wir uns.“ Jetzt ist Gall auf Kurs. Bei der Jahreshauptversammlung holt er sich Dr. Michael Kölmel zur Seite. Wenn es um Geschäfte geht, hat der gebürtige Karlsruher immer ein offenes Ohr. „Ich glaube nicht daran“, macht Kölmel dem Visionär Gall wenig Hoffnung auf ein Investment von Red Bull in Leipzig.

Aber Kölmel hat den Braten gerochen. Die Kosten für das Zentralstadion drohen ihm nämlich aus dem Ruder zu laufen. 100.000 Euro Miese macht Kölmel mit dem Zentralstadion pro Monat. Fast eine Million Euro sollen helfen. Sie werden von der Stadiongesellschaft in den in der viertklassigen Oberliga spielenden FC Sachsen Leipzig gepumpt.

Der Kernphysiker Dr. Otto Schlörb sucht in Kölmels Auftrag Sponsoren und wendet sich im Auftrag des FC Sachsen erneut an Red Bull. Und mittlerweile hat sich in Österreich die Sachlage komplett verändert. Denn Red Bull will in den deutschen Fußball investieren und hat auch schon bei einigen Vereinen vorgesprochen, sich aber nur Absagen geholt. Die Bullen versuchen es zuerst bei Traditionsvereinen in deutschen Großstädten. 1860 München, Fortuna Düsseldorf und der St. Pauli lehnen die Brause-Avancen ab. FC Red Bull St. Pauli, 1860 Red Bull München oder Fortuna Red Bull Düsseldorf – all dieses funktioniert nicht. Denn nachdem mit allen Vereinen grundsätzliche Marketingmöglichkeiten ausgetauscht worden sind, stellt sich für die Opfer der „Brause-Begierde“ schnell heraus, dass Red Bull bei einer Übereinkunft keineswegs nur einer von vielen Sponsoren sein will. Die Österreicher sind ziemlich eindeutig: Es könne nur der spezielle Red-Bull-Ansatz gegangen werden: Entweder talentierte Sportler zu Red-Bull-Athleten machen oder eigene Sportarten erfinden oder wie in der Formel 1 ein eigenes Team aufbauen – alternativ einen eigenen Fußballklub haben.

Die Vereinsvertreter sind pikiert, verweisen auf große und mächtige Fanszenen, die sich eher mit den Anhängern von Austria Salzburg solidarisiert und gegen die Übernahme des Vereins protestiert hätten13 . Austria Salzburg soll nun das „Role Model“ für Deutschland sein. Doch keine Chance.

Die Österreicher müssen umdenken. Statt eines deutschen Großstadtklubs mit Tradition suchen sie nun einen an eine deutsche Großstadt „angeschlossenen“ Klub ohne Tradition und ohne aufmüpfige Fanszene, aber mit Potential, der in einer möglichst hohen Liga spielen soll. In einer schnell aufgestellten Short List, an der auch Franz Beckenbauer mitwirkt, steht Leipzig ganz oben. Großstadt, keine große fußballerische Konkurrenz weit und breit (jedenfalls keine richtige), großes Stadion und ein paar passende Vereine, die relativ weit oben spielen und von komplett traditionslos bis mäßig mit Tradition behaftet reichen.

Daniel Frahn Mister RB Leipzig Anfangszeit
Abb.1.5.10 Daniel Frahn – Eine Art „Mister RB Leipzig" aus der Anfangszeit. Foto: Imago Images / Picture Point
Joshua Kimmich RB Leipzig Drittliga 1. FC Saarbrücken
Abb.1.5.11 Der spätere Nationalspieler Joshua Kimmich im Drittliga-Spiel RB Leipzig gegen 1. FC Saarbrücken (5:1). Foto: Imago Images / Picture Point
Mateschitz Hopp Vereins-Mäzene Fanplakat Hoffenheim Leipzig 2017
Abb.1.5.12 Die Vereins-Mäzene Mateschitz (l.) und Hopp (r.) beim Boxkampf. Fanplakat vom 02.12.2017 beim Spiel TSG Hoffenheim vs. RB Leipzig. Foto: Imago Images/ Picture Point

Und so wird der Kernphysiker Dr. Otto Schlörb anders als der schwitzende Elektriker Gall im Jahr 2006 in das Salzburger Repräsentationsgebäude des Red Bull Konzerns, Hangar 7, eingeladen. Diese Treffen bringen schnell die Wende. Am 2. Oktober 2006 meldet sich Dany T. Bahar, rechte Hand von Mateschitz, bei Schlörb. Die Bullen haben angebissen. „Wir erwägen, uns im deutschen Fußball zu engagieren“, steckt Bahar Dr. Schlörb. Natürlich streng vertraulich. Er will nicht, dass das am nächsten Morgen in der BILD-Zeitung steht.

Ein diskretes Hotel in Berlin ist der Schauplatz, an dem Kölmel und Co. Red Bull ein tragfähiges Konzept vorlegen. Es ist der 4. Oktober 2006. Kölmel und Schlörb ahnen allerdings, dass der FC Sachsen auf die von Red Bull gestellten Bedingungen – unter anderem Änderung der Trikotfarben von Grün-Weiß in Rot-Weiß, Namensänderung, Verkauf der Namens- und Stadion-Namensrechte – schwerlich eingehen wird. Obwohl man um die vorprogrammierte Palastrevolte der Leipziger Fans weiß, trifft man sich am 22. Oktober 2006 wieder mit Mateschitz. Dieses Mal in einer Loge im Salzburger Stadion und im Beisein von Mateschitz-Berater Franz Beckenbauer. Das ist gefährlich, denn der deutsche Fußball-Kaiser kann normalerweise nicht aus dem Haus, ohne dass es am nächsten Tag irgendwo zu lesen ist. „Beckenbauer hat Leipzig ins Spiel gebracht“, erinnert sich Sachsen Leipzigs damaliger Schatzmeister Dr. Georg Flascha.

Am 9. November 2006, 17 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, platzt in Leipzig die Bombe. „Flügel für den FC Sachsen?“, titelt die Leipziger Volkszeitung, „Energy-Drink-Unternehmen Red Bull interessiert sich für Fußballstandort Leipzig.“ Allerdings erfolgt die Veröffentlichung ohne Abstimmung mit Red Bull, was für Missstimmung in Salzburg sorgt. Während Mateschitz ein Donnerwetter loslässt, stellen die erbosten Leipziger Fans Schlörb und Flascha zur Rede. Dass Red Bull zwar die erste Mannschaft übernimmt, den Klub FC Sachsen aber inklusive seines Reserveteams weiter erhalten will, ist nicht vermittelbar. 2007 sagt Red Bull dem FC Sachsen ab, der 2011 ein zweites Mal in die Insolvenz geht.

Im September 2008 starten die Leipziger einen neuen Versuch. Sie wissen, dass die Österreicher zwar in einer Top-Liga in Europa Fuß fassen wollen, aber sie wollen keinen Traditionsklub wie einst „Casino“ Salzburg kapern. Nein, ein „namenloser Klub ohne große Anhängerschaft“, wie der Leipziger Autor Ulrich Kroemer 2016 schreibt, soll her. Deshalb ist die NOFV-Oberliga besonders interessant für die RB-Investoren. Diese ist dem Nordostdeutschen Fußball-Verband direkt unterstellt – und nicht dem Deutschen Fußball-Bund.

Sachsen Leipzig ist schon aus dem Rennen, ebenso der 1. FC Lokomotive. Das „Loksche“ wird kein Red Bull-Klub, ebenso lehnt der FC Meuselwitz ab. Die Alternative: Der FC Eilenburg, 30 Kilometer nordöstlich von Leipzig entfernt. Hier bietet sich das große Trainingsgelände geradezu an. Man will ein Startrecht für einen zu gründenden RB Leipzig in der Oberliga erwerben und setzt ab 2008/09 auf den FC Eilenburg als Träger-Rakete. Mehr als fünf Jahre soll der Vertrag mit den Sachsen gelten, eine sechsstellige Summe soll gezahlt werden. Als Vereinspräsident springst du bei so einem Angebot normalerweise an die Decke. Nur die Mannschaft spielt nicht mit – der FC Eilenburg steigt am Saisonende 2009 ab. Damit ist klar, dass der Klub nicht die Red-Bull-Urzelle in Deutschland wird.

Doch Red Bull hat noch ein Ass im Ärmel. Die Wahl fällt auf den SSV Markranstädt aus einer 15.000-Einwohner-Kleinstadt im Südwesten von Leipzig. Holger Nussbaum, Hauptsponsor und Vereinsvorstand von „Markrans“, wie der Verein im sächsischen Dialekt genannt wird, hat im Mai 2009 eine „höchst spannende Anfrage der Österreicher“ (Kroemer) auf dem Tisch liegen und schlägt ein. Am 2. Juli 2009 geht RB Leipzig mit der Oberliga-Lizenz des SSV Markranstädt an den Start.

Das Stadion am Bad, mit seiner schmucken Tribüne, die aus einem Lego-Baukastensystem entstanden zu sein scheint, wird erste Heimstatt der „Roten Bullen“ in der NOFV-Oberliga Süd – und die Gegner werden hier regelrecht überrannt. Mit 22 Zählern Vorsprung vor Vizemeister Budissa Bautzen holt RB Leipzig im ersten Jahr 2009/10 unter Trainer Tino Vogel direkt die Meisterschaft. 2010/11 zieht man in die Red Bull Arena um, die der Verein später Michael Kölmel abkauft. Das Stadion am Bad darf sich somit bis heute rühmen, die Wiege eines deutschen Vizemeisters und Champions-League-Teilnehmers gewesen zu sein.

Ärgern muss sich nur Wolfgang Petit, Präsident des FC Eilenburg. „Wir hätten diejenigen sein sollen, wo RB begonnen hätte“, sagt er zu Uli Kroemer, „das war eine riesige Chance für uns, die wir dumm vergeben haben.“ Ja, dumm gelaufen. Auf ein Bier mit Rolf Gall kann er sich zwecks Sponsorensuche nicht mehr treffen. „Sachsen-Galli“ stirbt am 22. November 2015 an Leberversagen.

Alle Kapitel: 01. Prolog 02. Good to Know 03. Für die Hater 04. Für die Lover 05. Schlüsselfiguren 06. Personae Non Gratae 07. Tragisch 08. OMG — Oh My God 09. Fun Facts 10. Special Moments 11. Weise Worte 12. Steckbrief [Annex]
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