Good to Know
Red Bull, 50+1 und die formale Vereinshülle
Wie der Brausekonzern die 50+1-Klausel formal einhält und RB Leipzig dennoch so kontrolliert wie Bayer in Leverkusen.
Good to know – Was wenige wissen RB Leipzig ist ein vom österreichischen Red Bull Konzern kontrollierter Fußballverein. Das ist hinlänglich bekannt. Wie der Brausekonzern es geschafft hat, die 50 +1 Klausel im DFL-Regelwerk formal einzuhalten und dennoch den Verein RB Leipzig so zu kontrollieren, wie das sonst nur der Bayer-Konzern in Leverkusen oder Volkswagen in Wolfsburg können, ist clever und weniger bekannt.
Der Lizenz-Coup vom 15. Mai 2014
Zwölf Tage nach dem letzten Drittliga-Heimspiel erteilt die DFL am 15. Mai 2014 die Zweitliga-Lizenz — mit Auflagen.
Auf dem Weg in die Fußball-Bundesliga haben die Köpfe hinter dem RBL-Coup geschickt die Lücken im Regelwerk von DFB und DFL umschifft. Zwischen dem letzten Heimspiel des damaligen Aufsteigers in der 3. Liga gegen den Ex-Bundesligisten 1. FC Saarbrücken (5:1) und der endgültigen Erteilung der Lizenz für die 2. Bundesliga liegen Anfang Mai 2014 zwölf Tage des Wartens. Am 15. Mai 2014 erteilt die Deutsche Fußball-Liga (DFL) dem ,,Dosenclub“, wie das Red Bull Fußball-Franchise auch abfällig genannt wird, die Lizenz.
Mit Hilfe des Staranwalts Christoph Schickhardt gelingt es RBL, die ,,Eintrittskarte ins Fußball-Establishment“ zu lösen, so schreibt der Autor Ulrich Kroemer in seinem Buch “RB Leipzig – Aufstieg ohne Grenzen” (Verlag DIE WERKSTATT, 2016). Wie? RB Leipzig, verpflichtet sich, zwei der ursprünglichen Forderungen von DFL/DFB zu erfüllen.
Es sind dies zum einen die Änderung des Wappens zur weiteren Abgrenzung vom Red Bull Logo und zum anderen die Besetzung der Führungspositionen mit vom Hauptsponsor unabhängigen Personen. ,,Durch die verbindliche Erklärung, seine Gremien künftig mit mehrheitlich unabhängigen Persönlichkeiten zu besetzen…sowie das bisherige Logo mit Blick auf die Anforderungen der UEFA zu verändern, hat der Klub die wesentlichen Voraussetzungen des Lizenzierungsausschusses erfüllt… Einer Lizenzierung steht daher nichts mehr im Wege.“ So heißt es in der aus Frankfurt nach Leipzig übermittelten Bestätigungsnachricht zur Lizenzerteilung.
Mateschitz drohte, „RB zu begraben“
Kurz vor der Lizenzierung wollte der Red-Bull-Eigentümer noch die Baugrube am Cottaweg zuschütten lassen.
Wenige Tage vor Erteilung der Lizenz für die zweithöchste deutsche Fußball-Liga hat RB-Eigentümer Dietrich ,,Didi“ Mateschitz einen von Mitgliedern geführten Verein noch strikt abgelehnt. Der Getränke-Milliardär droht sogar, die frisch ausgehobene Baugrube für das Trainingszentrum am Cottaweg wieder zuzuschütten und ,,RB zu begraben.“ Doch mit den eher schwachen Auflagen der DFL kann der Alpen-Milliardär leben. Und schon ist man ,,drinne“, wie man in Leipzig sagt.
Sportrechtler sehen die RBL-Lizenzierung bis heute als Coup. ,,Was RB Leipzig macht, ist zwar trickreich, aber zulässig“, sagte der Jurist Dr. Michael Lehmer unmittelbar nach der Lizenzierung. ,,Leipzig hat einfach immer wieder die Lücken des Regelwerks gut ausgenutzt“, bescheinigt auch der Düsseldorfer Jurist Dr. Paul Lambertz dem ,,Bullenclub“ eine ganz besondere Cleverness gepaart mit Chuzpe.
Seine Meinung bis heute: ,,Anfangs war es wohl den DFL-Verantwortlichen gar nicht bewusst, dass es diese Schwächen gibt.“
17 ordentliche Mitglieder: die schlanke Vereinsstruktur
Stand 31. Juli 2019 zählt der Verein RB Leipzig genau 17 stimmberechtigte ordentliche Mitglieder.
Vereinsstruktur RB Leipzig per 31. Juli 2019. Der Verein hat genau 17 ordentliche Mitglieder. Quelle: Wikipedia (Deutsch)
Salzburg ist das Original, Leipzig die Kopie
Mit zwei baugleichen Klubs will Mateschitz den deutschsprachigen Fußballraum dominieren — finanziert aus der Brausekasse.
RB Leipzig ist die Kopie und RB Salzburg das Original, mit dem der Brausemilliardär den Fußball im deutschsprachigen Raum dominieren und – wenn es nach den Fußballromantikern geht – nachhaltig beschädigen will. Und der Erfolg von RB Leipzig und RB Salzburg ist alleine auf die massive Zufuhr desselben durch den Brausemilliardär zurückzuführen. Mit dem nötigen Kleingeld nichts Besonderes und leicht kopierbar.
„Bimbes makes the world go round“.
Mehr als Geld: die Strategie hinter Red Bull Fußball
Hinter dem Erfolg stehen die Akademie in Liefering, ein definiertes Spielsystem und konsequente Technik-Nutzung.
So wird es in Fankurven erfolgloser Traditionsvereine und in romantisierenden Fußballtraditionen verhafteten deutschen Medien gerne holzschnittartig erzählt. Kaum gewürdigt wird, dass hinter dem fußballerischen Erfolg der RB-Teams nicht nur Geld steckt, sondern eine ausgefeilte Strategie. Ein wichtiges Element dieser Strategie ist dabei die Jugendakademie von Red Bull im österreichischen Liefering.
Weitere Bausteine sind die Förderung eines ganz speziellen Red Bull Spielsystems und der intelligente Einsatz moderner Technologien bei Training, Spielanalyse und Rekonvaleszenz der Spieler. Fußball für das 21. Jahrhundert eben…
Pressing, Gegenpressing, schnelles Umschalten
Manfred Pamminger, Geschäftsführer FC Liefering, beschreibt die Spielidee als „in Stein gemeißelt“.
Die fußballerische Spielphilosophie von Red Bull sei dabei in Stein gemeißelt und jeder einzelne Trainer, jeder einzelne Mitarbeiter und jeder einzelne Spieler agiere nach dieser Spielidee. So drückt es Manfred Pamminger, Geschäftsführer des FC Liefering, dem Farmteam von RB Salzburg, auf redbull.com aus. „Das Red Bull System basiert auf Pressing, Gegenpressing und dem schnellen Umschalten, das die Spieler verinnerlichen müssen,“ so Pamminger weiter.
Hightech-Komplex mit sechs Plätzen und Datenservern
Sechs Fußballfelder, eine Halle, Kraftkammer, Athletikraum und Sensoren, die rund um die Uhr Daten sammeln.
Perfektioniert werden solle dieses Spielsystem durch einen Hightech-Komplex mit sechs Fußballfeldern, Fußballhalle, Kraftkammer, Athletikraum und Motorikpark, Sensoren, die Tag und Nacht Daten sammeln und die auf Servern gespeichert und von Computerprogrammen aufbereitet werden.
Sprint-Training mit computergesteuerter Seilwinde
Spieler rennen am Beckengurt gegen exakt einstellbaren Widerstand — der Trainer liest Leistungskurven live am Laptop.
Der Athletikraum - Mit einem speziellen Sprint-Trainingsgerät, bei dem sich Spieler Gürtel um das Becken schnallen, die über ein Seil mit einer computergesteuerten Hightech-Seilwinden verbunden sind, und gegen einen exakt einstellbaren Widerstand anrennen, soll das Sprinttraining verbessert werden. Der Trainer kann individuelle Leistungskurven in Echtzeit am Laptop analysieren und weiß nach wenigen Läufen, bei welchem Widerstand ein Spieler maximale Kraft hat, wann er seine Höchstgeschwindigkeit erreicht, wie lange er diese halten kann, und welcher Fuß mehr Kraft auf den Boden bringt. Alle Daten werden in einer Datenbank archiviert.
Der Leistungsfortschritt eines Spielers kann über Jahre nachvollzogen werden.
13 Kraftstationen mit Tablet-Login und Infrarotkameras
Im High-Tech-Kraftraum laufen individuelle Workouts über Tablet, Infrarotkameras überwachen jede Übung.
Der High-Tech-Kraftraum mit Video-Workout - Direkt neben einer Laufbahn stehen 13 Arbeitsstationen für das Krafttraining. Spieler können sich via Tablet einloggen, ein individuelles Programm befolgen und Feedback von Computer und Trainer erhalten. Auf jeder Station ist ein Computer montiert, der mittels Infrarotkameras und Tablet das Training überwacht, Daten sammelt und in ein Netzwerk speist.
Athletiktrainer können über eine Software vom Büro aus in Echtzeit individuelle Workouts erstellen.
12. Auch die anderen Red Bull Vereine setzen auf High-Tech und die Kombination aus sportwissenschaftlichen Erkenntnissen und Red Bull Spielphilosophie…Insofern kann das Zentrum in Liefering als eine Art „Role Model“ für den RB-Ansatz gelten
Anti-Schwerkraft-Laufband aus der Raumfahrt
Das ursprünglich für Astronauten entwickelte Gerät verkürzt die Rekonvaleszenz nach Verletzungen.
Anti-Schwerkraft-Laufbahn - Dank einem Anti- Schwerkraft-Laufband soll die Rekonvaleszenzzeit nach einer Verletzung in der Red Bull Akademie schneller gelingen. Mit dem ursprünglich für Astronauten entwickelten Trainingsgerät können verletzte Spieler schon früh wieder in die Vorbereitung einsteigen.
Soccerbot 360: Pässe gegen projizierte Tore
Sechs Beamer projizieren Tore an die Wand, Highspeed-Kameras messen Schärfe, Tempo und Genauigkeit jedes Passes.
Soccerbot 360 - Sechs Beamer projizieren Computerbilder an die Wand, zum Beispiel Fußballtore, die Spieler unter Zeitdruck mit Pässen treffen müssen. Schneller denken lernen, Prozesse verarbeiten und Blickverhalten trainieren. Das sind wesentliche Ziele.
Eine Highspeed-Kamera ermittelt, wie schnell, scharf und genau gepasst wird. Oder wie oft der schwache Fuß zum Zug kommt. Aufgenommene Spielszenen eines Trainings oder Matchs lassen sich an die Wand projizieren und nochmals erleben.
In einer Art virtuellem Replay können Pass- und Laufwege gezeigt und verbessert werden. Die Positionsdaten für diese Big-Data-Berechnungen sammelt ein Local-Position-Measurement-(LPM-) System.
LPM-Tracking 25-mal pro Sekunde
Acht Basisstationen erfassen in der 6000 m² großen Halle in Liefering die Positionen aller Spieler und des Balls.
LPM Indoor und Big Data - Auf dem Kunstrasen der 6000 Quadratmeter großen Halle in Liefering sammelt das nach Angaben von Red Bull exakteste Sport-Tracking-System der Welt über acht Basisstationen die Positionsdaten aller Spieler und des Balls auf dem Feld. Mindestens 25-mal pro Sekunde. Kombiniert man diese Rohdaten erhält man genaue Anlauf-, Highspeed- und Abbremsmeter der Spieler, aber auch technische und taktische Werte wie Passquoten und Ballbesitzzeiten.
Biometrische Daten können mit dem System ebenfalls gesammelt werden, etwa Herz- und Atemfrequenz oder die Hauttemperatur der Spieler.
„Enter the Next Level“ — Lieferings Eröffnungsclaim
Programmatischer Slogan einer Akademie, die Fußball als Datenwissenschaft begreift — und Romantiker explizit ausschließt.
Über dem Haupteingang der im September 2014 eröffneten Akademie in Liefering steht der Fußballclaim der Akademie: ENTER THE NEXT LEVEL. Nichts für „Blut, Schweiß und Tränen“-Romantiker aus dem Kohlenstoffzeitalter des Fußballs….
RBL im Liga-Vergleich
Titel, Trainerwechsel und das funktionierende Red-Bull-Modell
Zwei DFB-Pokale (2022, 2023), der Supercup 2023 und das Champions-League-Halbfinale 2020 in Lissabon zementieren Leipzigs Spitzenstellung. Auf der Bank rotieren Nagelsmann, Marsch, Tedesco und Rose — das Konzernmodell aus Entwickeln und Weiterverkaufen liefert weiter Titel.
Zwei Pokale, ein Supercup und ein CL-Halbfinale
Zwischen 2020 und 2026 gewinnt Leipzig die DFB-Pokale 2022 und 2023 sowie den Supercup 2023.
RB Leipzig etabliert sich zwischen 2020 und 2026 endgültig als feste Größe im deutschen Spitzenfußball. Der Verein gewinnt in nur zwei Jahren zwei DFB-Pokale (2022 und 2023) und den Supercup 2023. In der Champions League 2019/20 — dem „COVID-Turnier" in Lissabon — erreicht Leipzig unter Julian Nagelsmann das Halbfinale und schlägt Atletico Madrid mit 2:1.
Trainer-Karussell: Nagelsmann, Marsch, Tedesco, Rose
Nach Nagelsmanns Wechsel zu Bayern 2021 holt Domenico Tedesco 2022 den ersten Pokalsieg, Marco Rose folgt.
Die Trainer-Wechsel gehen weiter: Nagelsmann geht zu Bayern (2021), Jesse Marsch übernimmt kurz, Domenico Tedesco führt Leipzig zum ersten Pokalsieg 2022, Marco Rose folgt. Das Red-Bull-Modell funktioniert: Spieler entwickeln, teuer verkaufen, Erfolge feiern.